II

KUNST
Frei Form-/Farbkomponiertes, Sprachjonglagen und Gedanken

Über Demut oder: die Utopie friedlicher Koexistenz

Tatsächlich bin ich in regelmäßigen Abständen überwältigt vom immensen Ausmaß an Komplexität und Schönheit in dieser Welt. Dabei ist es vor allem das ausgeklügelte und in seiner Detailreiche quasi nicht zu überbietende, hochkomplexe System der Natur, das mich immer wieder erstaunt, nein, mehr noch: ehrfürchtig macht.
Da die Anzahl an Ländern, welche ich bis heute bereist habe, noch relativ überschaubar ist, speist sich der Hauptanteil meines Wissens darüber im Wesentlichen aus Dokumentationen — ein Hoch an dieser Stelle auf das tolle und reichhaltige Angebot, auch internationaler Medienproduktionen! Dieser Essay soll daher ebenfalls zu verstehen sein als eine Würdigung kooperativer Projekte im Allgemeinen.
Für mich ist unser Planet also eine faszinierend schöne Welt. Flora und Fauna, aber auch die sogenannte „unbelebte Natur“, zeigen sich in einer schier unermesslichen Zahl an Arten und Weisen, zeichnen sich aus durch eine überwältigende Varianz an Formen, Texturen und Farben – ein kunterbuntes Universum an Diversität! Absolut nichts davon ist zufällig oder geschieht grundlos. Alles erfüllt (s)einen Zweck und hat somit (s)eine Funktion. Sämtliche im natürlichen System enthaltenen Elemente sind inhärent. Diese in sich fein abgestimmte Balance des Lebens hält die Natur seit Milliarden von Jahren aufrecht. Sie reagiert kreativ und lösungsorientiert auf Widerstände und funktioniert fortlaufend systemoptimierend. Voller Bewunderung ziehe ich vor dieser begnadet nachhaltigen Gesamtgestaltungsleistung meinen Designer- bzw. Künstler-Hut.

Ja, ich bin unfassbar demütig angesichts dieses Reichtums an Leben und seinen Formen. Die schiere Dimension des Ausmaßes jenes Gesamtkunstwerks Natur macht mir meine eigene Größe – oder viel mehr Winzigkeit – immer wieder bewusst. Selbstverständlich ist bereits dieses Bewusstsein ein echter Luxus. Immerhin kam ich als ein in Deutschland sozialisierter Mensch, bis in mein frühes Erwachsenenalter hinein, in den Genuss friedlicher Zeiten. Ich entstamme keiner Bauernfamilie, weiß also auch nicht, was es bedeutet, von den Umständen klimatischer Verhältnisse hinsichtlich kommender Erträge, und somit monitär von ihnen abhägig zu sein. Als Kind musste ich (daher auch) nie hungern. Ich erlebte Natur also auch nie als etwas Existenzgefährdendes, geschweige denn als etwas Bedrohliches für Leib und Leben. Im Gegenteil: Erbsen direkt aus einer Schote in Omas Gemüsegarten zu naschen war für mich jedes Mal ein tolles Ferienerlebnis, an das ich mich bis heute gerne erinnere. In der Wahrnehmung eines 98%igen Großstädters wie mich ist Selbstversorgung also nach wie vor als höchst angenehmes Bonusprogramm auf Schrebergartenlevel abgespeichert. Dementsprechend groß und mit Weichzeichner ausgestattet ist somit mein Abstand zur unmittelbaren und ursprünglich wilden Natur.

Meine subjektive Perspektive auf das Phänomen Natur als solches ist über meine Sozialisation hinaus sehr eng mit meiner Identität als Kreateur bzw. Künstler verbunden, da ich sowieso schon immer eine starke Affinität zu Formen und Farben habe. In Kombination mit der bereits erwähnten Rezeption von Natur über den Bildschirm, ist meine Rezeption von ihr und von allem in ihr Vorkommenden also ingesamt auch von einer Ästhetik des kommoden und sicheren Abstands über das visuelle Medium geprägt. Natur als spannendes oder entspanntes Farbspektakel im beeindruckenden Doku-Widescreenformat zuhause im gemütlichen Wohnzimmer, unterlegt mit der jeweils passenden Musik, ist dann einfach sehr, sehr schön – in diesem Kontext jedoch eben auch nur mehr eine Vorstellung ihrer selbst. Diese akademisiert-ästhetische Distanz ermöglicht selbstverständlich viel eher eine Perspektive auf die Schönheit von Natur als wenn ich ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert wäre, aus welchen Umständen auch immer.

Diese vorher beschriebene Wohnzimmer-Distanz ist es dann wohl auch, die uns als Menschen mehr und mehr zu bloßen Beobachtern von Natur macht. Es ist nicht zuletzt der absurde Begriff „Umwelt“, der jene Position für uns als Spezies geradezu zementiert. Natur umgibt uns nur mehr bloß. Wir schauen ihr zu und nehmen von ihr: Wir ernten, verarbeiten und verbrauchen ihre Ressourcen, die unserer Lebensgrundlage dienen. Mehr und mehr wird sie zu einer kalkulierbaren, bloßen marktspezifischen Interessen unterstellten Größe innerhalb des turbokapitalistischen Systems degradiert. Ad absurdum geführte Zuchtmaßnahmen bei Nutztieren und -pflanzen pushen Mengen künstlich in die Höhe und sorgen für aufgeblähte Ertragssteigerung im Namen der Profitmaximierung. Der Ergebnis sind immer weniger marktbeherrschende, immer weniger widerstandsfähige, d.h. um so krankheitsanfälligere und obendrein geschmacklich zunehmend fadere Arten.
Auch hier ist es, neben der visuellen Technik, die Maschine, welche uns den Zugang zur und die Macht über Natur per Knopfdruck erlaubt bzw. in einem nicht unerheblichen Maße erleichtert. Dabei ist die Balance des Prinzips Geben und Nehmen längst eklatant zu ihren Ungunsten gekippt. Demut gegenüber einer scheinbar bedingungslos gebenden Natur: Fehlanzeige!

Der Mensch hat in seiner ca. 2,5 Million Jahre dauernden Karriere dieses minotiös justierte System also kräftig ins Wanken gebracht. Die Wucht rührt dabei in erster Linie daher, dass alles von Menschenhand Gemachte bislang größtenteils (noch?!) nicht irdischen, d.h. zirkulären Prinzipien unterliegt. Die ohnehin knapp gewordenen Ressourcen werden mit brutal(st)em, egomanem und daher gefährlichem Selbstverständnis kontinuierlich frenetisch verpulvert, um dem mehr und mehr ad absurdum geführten kollektiven Fetisch eines "Höher, Schneller, Weiter" zu genügen. Nichts scheint (mehr) heilig. Selbst der weitestgehend unerforschte Lebensraum der Tiefsee, mit seinen zu 90% bislang noch nicht charakterisierten, also namenlosen Spezies (1), wird gnadenlos überrannt und so leichtfertig zerstört. Das ahnungslose Vorstoßen des Menschen gleicht auch hier dem einer invasiven Art.
(1) https://www.dw.com/de/warum-wissen-wir-so-wenig-%C3%BCber-die-tiefsee/a-59756647

Das Hauptproblem dieses Verhaltens ist zuallerst die Diskrepanz zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen, in unterschiedlichen Geschwindkeiten ablaufenden Systemen: einerseits das der Natur und andererseits das des Menschen. Dieser in der Theorie scheinbar bestechend einfach zu identifizierende Konflikt zeigt sich am deutlichsten am Phänomen der Rastlosigkeit des an Dauerverwertung ausgerichteten Kapitalismus. "Wer rastet, der rostet!", heißt es. "Zeit ist Geld!" Alles immer also, und am besten sofort! Wir sind gehetzt und hetzen — Regeneration: absolute Fehlanzeige! Pausen sind Mangelware in einem einzig am ewigen Wachstum orientierten Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell.

Dies ist auf vielfältige Weise fatal, sind Ruhezeiten doch die Voraussetzung für ausgleichendes Wiedererblühen des zuvor ertragreich Geernteten. Pausen dienen der Rekonvaleszenz, v.a. auch in dem durch den Homo kapitalozänsis geprägten, symptomgeplagten System des "Take-Make-Consume-Waste" (2). Es ist daher meines Erachtens nach allerhöchste Zeit, der Fähigkeit zur Wertschätzung einen neuen Stellenwert einzuräumen. Erst wenn wir uns als Gemeinschaft wieder als Teil der uns umgebenden Natur verstehen, wir sie also endlich (wieder) als Mitwelt begreifen, wird sich unsere vermeintliche Überlegenheit zugunsten einer Gleichheit — eines Agierens auf Augenhöhe — überwinden lassen können.
(2) https://c2c.ngo/

Beim kritischen Betrachten dieser Entwicklung kommt für mich dem Begriff der Demut eine zentrale Bedeutung zu. Aus dem Althochdeutschen stammend, beschriebt er eine Haltung, welche die Existenz eines Größeren jenseits des eigenen Selbsts annimmt — und sie akzeptiert. Akzeptanz meint ein tiefgreifendes Gutheißen und Annehmen und macht Demut also, angesichts der Unermesslichkeit von Schöpfung, zu einer grundlegend-tiefgreifenden Erfahrung.
Zugegebenermaßen könnte man spätenstens an dieser Stelle den Eindruck gewinnen, ich sei hochreligiös und wollte mit diesen Zeilen zu einem missionarischen Rundumschlag ansetzen. Das bin bzw. möchte ich jedoch ausdrücklich nicht! Als ein von Wissenschaft faszinierter Agnostiker geht es mir lediglich darum zu beobachten und dabei wesentliche Ursachen für vorherrschende Dysbalancen in der Welt auszumachen. Das Predigen überlasse ich also sehr gerne den Angestellten der Kirchen. Dennoch benutze ich hier sehr bewusst und auch gerne den Begriff der Schöpfung, da dieser per se eine gewisse Dimension impliziert. Obendrein kann ich mich ja allein schon qua eigener Profession vorzüglich mit dem Vorgang des Schöpfens, also Kreierens, Erschaffens und Gestalten von Dingen identifizieren. (Und da ich auch ausdrücklich an die positive Wirkkraft guter Gedanken, Ideen und Lösungsansätze glaube, können inhaltlich-semantische Überschneidungen einem Bilderdenker wie mir v.a. auch der Veranschaulichung.)

Besagte Größe einer Entität außerhalb des eigenen Selbst nicht nur zu tolerieren, sondern zu akzeptieren, setzt die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis voraus. Wer um die eigenen Schwächen und Stärken weiß, — und auch diese akzeptiert — bzw. gewillt ist, ggf. an ihnen zu arbeiten, erreicht letztendlich einen essenziellen Grad an Selbstzufriedenheit. Dieser ist wiederum von entscheidender Bedeutung für das Zurückstellenkönnen des eigenen Egos. Eingebildete Größe führt zu Größenwahn und letztlich zu einem Bedürfnis des Unterdrückenwollens oder -müssens. Eigentümer wahrer innerer Freiheit und Stärke müssen andere/s nicht kontrollieren, geschweige denn unterjochen.

Demut bezeichnet eine innere Haltung der Bescheidenheit, bei der ein Mensch die eigenen Grenzen, die eigene Unvollkommenheit oder seine Kleinheit gegenüber einer größeren Macht, Gott oder der Natur anerkennt.
https://de.wiktionary.org/wiki/Demut

Bild: https://www.vecteezy.com/
Autor: Volodymyr Ivash

Ist es angesichts dieses Ist-Zustands naiv an eine grundsätzliche Möglichkeit der Veränderung des Status Quo zu glauben? Ließe sich das verheißungsvoll klingende, auf politischer Ebene jedoch ganz offensichtlich gescheiterte Prinzip einer friedlichen Koexistenz wenigstens noch auf unser Verhältnis zur Natur übertragen? 
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedliche_Koexistenz

Die Fakten liegen mit größtmöglicher Klarheit auf der Hand. Entsinnen wir uns also wieder eindeutig unserer irdischen Herkunft – und damit Verantwortung – und transformieren unser(e) System(e), anstatt kontinuierlich am eigenen Ast zu sägen! Die essenzielle Balance zwischen Geben und Nehmen/Nehmen und Geben ist dabei von zentraler Bedeutung. Das lebendige System Erde unentwegt entgegen seiner eigentlichen Natur größtenteils ausschließlich in Richtung menschlicher Bedürfnisse zu zwingen, gleicht einer Diktatur, die dringend durch ein Gesellschaftsprinzip des Anstands und Respekts ersetzt werden muss. Nutzen wir also unseren etablierten Wohlstand und das auf dessen Basis generierte Wissen zum Wohle der Erde inklusive ihrer Bewohner. Und fühlen wir uns, trotz aller gegenteilig propagierter Glaubensätze, (endlich wieder) wohl dabei, regelmäßig bewusst Pausen einzulegen.

Die höchste Form von Mut ist Demut.

Peter E. Schumacher (1941–2013)
deutscher Publizist und bekannter Aphorismensammler

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